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Der unsichtbare Takt der Tumorzellen: Wie die Mitosezahl den Krebs deines Hundes lenkt

Laborszene in weiß-blauen Tönen, mit einer Frau und deinem Mann. beide schauen in ein Mikroskop

Ein pathologischer Befund nach einer Tumor-Operation stellt Tierhalter:innen aufgrund der medizinischen Fachsprache oft vor eine große Herausforderungen. Ein Wert sorgt dabei regelmäßig für besondere Besorgnis: die Mitosezahl bzw. der Mitoseindex. Die Angabe „erhöht“ schürt unweigerlich die Angst vor einem hochgradig aggressiven Tumorverlauf. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit unter Beteiligung der Veterinärmedizinischen Universität Wien relativiert diese Betrachtung nun maßgeblich: Zwar ist dieser Wert ein wertvoller biologischer Indikator für die Zellteilungsaktivität, er erlaubt jedoch keine isolierte Prognose und stellt nicht das alleinige Urteil über den Krankheitsverlauf eines Hundes dar.


  1. Was sind Mitosen überhaupt?

Um zu verstehen, was die Zahl im Befund bedeutet, hilft ein Blick auf die Biologie. Mitosen sind im Grunde Zellteilungen. Sie finden in diesem Moment milliardenfach auch im gesunden Körper deines Hundes statt – überall dort, wo Haut heilt, Blut erneuert wird oder Gewebe wächst. Bei Krebszellen ist dieser natürliche Prozess außer Kontrolle geraten. Sie haben verlernt, mit dem Teilen aufzuhören. Wenn die Gewebeprobe im Labor landet, untersucht der Pathologe sie unter dem Mikroskop. Dabei zählt er, wie viele Zellen sich exakt im Moment der Probenentnahme in der Phase der Teilung befanden.

  • Viele Mitosen bedeuten, dass der Tumor eine hohe biologische Dynamik besitzt. Je mehr Mitosen gefunden werden, desto stärker kann der Hinweis sein, dass der Tumor schneller wächst oder sich biologisch aggressiver verhält.

  • Wenige Mitosen sprechen eher für eine geringere Teilungsaktivität und ein langsameres Wachstum. Das Gewebe verhält sich weniger aggressiv.


  1. Verwechslungsgefahr: Zahl ist nicht gleich Index!

Pathologen und Tierärzte meinen mit dem „Mitoseindex“ meistens zwei verschiedene Dinge. Denn in der Praxis werden zwei Begriffe im Alltag oft synonym verwendet, obwohl sie wissenschaftlich auf unterschiedliche Weise zustande kommen. In der täglichen Praxis hat sich der Begriff „Mitoseindex“ fälschlicherweise als umgangssprachlicher Oberbegriff für die Messung der Zellteilung etabliert. Die eingangs erwähnte Übersichtsarbeit der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat genau dieses Problem offengelegt: In der großen Mehrheit der tiermedizinischen Studien wird de facto die Mitosezahl (Flächenmessung) bestimmt. Dennoch verwenden Tierärzte und klinische Berichte im Sprachgebrauch oft das Wort „Mitoseindex“, wenn sie eigentlich die Mitosezahl meinen. Der Unterschied lässt sich am besten mit einem Vergleich aus dem Fußballstadion erklären: Du willst wissen, wie aktiv die Fans sind.

a) Die Mitosezahl

Die Mitosenanzahl (Mitotic Count - MC): Das ist der Standard, den man in fast jedem Laborbericht findet.

Schematische Darstellung Mitose Zellteilung

Der Pathologe sucht sich unter dem Mikroskop gezielt das Areal mit der höchsten Aktivität aus – den sogenannten „Hotspot“. Auf einer standardisierten Fläche von exakt 2,37 mm ² zählt er dann die sichtbaren Zellteilungen. Steht im Bericht eine 7, wurden genau sieben Teilungsfiguren auf dieser Fläche entdeckt. Das Stadion-Beispiel: Du richtest ein Fernglas auf einen Block von 10 mal 10 Metern und zählst, wie viele Menschen dort hüpfen. Wenn der Block extrem dicht gedrängt vollsteht (viele Zellen auf engem Raum), zählst du dort natürlich viel mehr hüpfende Menschen als in einem halbleeren Block – selbst wenn die Stimmung in beiden Blöcken eigentlich genau gleich ist.

b) Der Mitoseindex

Der „echte“ Mitoseindex (Mitotic Index - MI): Das ist kein absoluter Zählwert, sondern eine mathematische Quote. Hier wird ermittelt, wie viel Prozent aller vorhandenen Tumorzellen sich im Moment der Probe teilen - zum Beispiel 2 % der gesamten Tumormasse. Weil das Auszählen von Hand sehr aufwendig und zeitintensiv ist, kommt dieser echte Index erst jetzt langsam zum Einsatz – und zwar dort, wo moderne Labore ihre Pathologen mit Künstlicher Intelligenz (KI) unterstützen, die Millionen von Zellen in Sekundenschnelle scannt. Die Formel dahinter ist reine Mathematik: Mitoseindex (MI) = (Anzahl der Zellen in Mitose / Gesamtzahl der gezählten Tumorzellen) x 100. Ein einfaches Beispiel: Findet die KI auf dem digitalen Gewebeschnitt insgesamt 10.000 Tumorzellen und davon befinden sich exakt 150 in der Phase der Zellteilung, teilt man die 150 durch 10.000 und nimmt das Ergebnis mal 100. Der echte Mitoseindex liegt in diesem Fall also bei 1,5 %. Das Stadion-Beispiel: Du zählst von 100 zufälligen Personen im Stadion, wie viele davon hüpfen. Es ist völlig egal, wie dicht gedrängt sie stehen. Wenn 10 von 100 hüpfen, liegt die Aktivität bei 10 Prozent.


3. Krebs-Prognosefaktor nur unzureichend erforscht

Auch wenn die Methode aus dem Labor trocken klingt: Für die Behandlung des betroffenen Hundes ist der Wert wichtig. Er hilft dem Tierärzteteam einzuschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass der Krebs nach der Operation schnell wiederkommt oder im Körper streut. Die Forscher der Vetmeduni-Studie haben für ihre systematische Übersichtsarbeit 137 internationale Studien analysiert, in denen die mitotische Aktivität mit dem weiteren Verlauf der Erkrankung verglichen wurde. Das Ergebnis bestätigt zwar die medizinische Erfahrung, dass eine höhere Mitosezahl oft mit einem schlechteren Überleben verbunden ist. Gleichzeitig deckte die Arbeit aber eine Schwachstelle auf: Die Aussagekraft war nicht für alle Tumorarten gleich gut. Die Methoden waren oft unterschiedlich, zum Beispiel bei der gezählten Fläche, bei der Auswertung und bei der statistischen Bewertung. Wissenschaftlich sauber bewiesen ist die prognostische Aussagekraft der Mitosezahl derzeit vor allem bei drei Krebsarten, die sich direkt auf der Haut abspielen: Haut-Mastzelltumoren, Haut-Melanomen und Weichteilsarkomen der Haut. Bei vielen anderen Tumorarten ist die Datenlage deutlich schwächer oder noch gar nicht ausreichend vergleichbar.


  • Mastzelltumoren: Hier liegt die Grenze meist bei der Zahl 5. Bleibt der Wert darunter, stehen die Chancen gut, dass der Hund nach einer vollständigen chirurgischen Entfernung über längere Zeit eine hohe Lebensqualität hat. Liegt der Wert über 5, gilt der Tumor als hochgradig bösartig. In diesem Fall wird meist zügig eine begleitende Chemotherapie oder Bestrahlung besprochen.

  • Weichteilsarkome: Hier bestimmt die Anzahl der Mitosen maßgeblich das sogenannte „Grading“ (die Einstufung von Grad 1 bis 3). Weniger als 10 Mitosen sprechen für einen eher weniger aggressiven Verlauf (Grad 1). Findet das Labor jedoch mehr als 19 Mitosen, deutet das auf ein höheres Risiko für Metastasen hin (Grad 3).

  • Melanome: Bei diesen Haut- oder Schleimhauttumoren weisen Werte über 3 auf einen aggressiven Verlauf hin. Das Signal für das Tierarztteam lautet dann, schnell und wachsam zu handeln.

Ein kleiner Fallstrick bleibt jedoch: Da Tumoren nicht überall gleich schnell wachsen (Heterogenität), ist der Wert immer eine Momentaufnahme des aggressivsten Bereichs.


  1. Warum Tierhalter:innen die Mitosezahl nicht isoliert bewerten sollten

Es ist die größte Falle, in die man als besorgter Hundebesitzer tappen kann: Man starrt nur auf diese eine Zahl und verliert das große Ganze aus den Augen. Ein Tumorbericht besteht aus mehreren Informationsebenen und die Mitosezahl ist nur ein einziges Puzzleteil von vielen. Um eine verlässliche Prognose für deinen Hund zu bekommen, müssen alle Befunde zusammengesetzt werden. Der niedrigste Mitosewert nützt wenig, wenn der Tumor bei der Operation nicht vollständig im gesunden Gewebe entfernt werden konnte. Umgekehrt kann ein Hund mit einer hohen Mitosezahl eine hervorragende Prognose haben, wenn der Tumor früh erkannt, großzügig herausgeschnitten wurde und die Lymphknoten frei von Tumorzellen sind. Neben der Mitosezahl spielen zum Beispiel Tumorart, Tumorgrad, Lokalisation, Resektionsränder, die Invasion in Gefäße oder das umliegende Gewebe, der Lymphknotenstatus und die Metastasenabklärung eine entscheidende Rolle.

Eine erhöhte Mitosezahl ist ein ernstes Warnsignal, das Wachsamkeit einfordert. Aber betrachte sie nicht als unumstößliche Prophezeiung. Jeder Hund ist ein Individuum und kein Krankheitsverlauf hält sich strikt an eine Statistik.

Direkter Studienlink Hund: https://arxiv.org/abs/2305.19667 Systematische Übersicht über Methoden und prognostischen Wert der mitotischen Aktivität. Teil 2: Tumoren bei Hunden. Für Hund und Katz – wichtiger Krebs-Prognosefaktor bei Vierbeinern nur unzureichend erforscht: https://www.vetmeduni.ac.at/universitaet/infoservice/presseinformationen/presseinformationen-2024/krebs-prognosefaktor-bei-vierbeinern

 
 
 

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