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Neue Wege in der Früherkennung: Dem Tumor einen Schritt voraus


In der Tiermedizin galt lange der Grundsatz, erst dann zu behandeln, wenn klinische Symptome auftreten. Doch gerade bei Krebserkrankungen ist dieser Zeitpunkt oft bereits zu spät für eine optimale Therapie. Moderne Screening-Verfahren wie die Liquid Biopsy verändern dieses Prinzip grundlegend, indem sie es ermöglichen, dem Tumor einen entscheidenden Schritt voraus zu sein. Der größte Nutzen dieser Technologie liegt im Zeitgewinn: Da sich viele Tumorarten über Monate oder sogar Jahre hinweg im Verborgenen entwickeln, bietet das Screening die Chance, biologische Hinweise auf krankhafte Prozesse – wie zirkulierende Tumor-DNA oder spezifische Nukleosomen – bereits dann aufzuspüren, wenn das Tier äußerlich noch völlig gesund erscheint. Dieser Vorsprung ist der wichtigste Hebel in der modernen Onkologie. Je früher eine Entartung erkannt wird, desto präziser und schonender können die therapeutischen Maßnahmen eingeleitet werden, was die Prognose und die langfristige Lebensqualität des Hundes signifikant verbessert. Trotz technologischer Fortschritte bleibt jedoch festzuhalten: Ein Screening-Test ist kein universelles Allheilmittel. Da jeder Test spezifische biologische Signale misst, kann er immer nur einen Teil der Realität abbilden – während einige Ansätze bestimmte Krebsarten sehr zuverlässig erkennen, liefern andere nur allgemeine Hinweise auf verdächtige Veränderungen. Der folgende Artikel bietet eine Übersicht über die gängigsten Methoden, die in Deutschland erhältlich sind und erklärt deren wissenschaftlichen Hintergrund.


  1. Warum Krebsscreening für Hunde sinnvoll sein kann


Tumorerkrankungen entstehen nicht plötzlich. Das eigentliche Problem liegt darin, dass frühe Tumorstadien häufig keine klaren Symptome verursachen. Wenn erste Beschwerden oder sichtbare Umfangsvermehrungen, Gewichtsverlust oder Lethargie auftreten, ist die Erkrankung in vielen Fällen bereits weit fortgeschritten. Ein Screeningtest schlägt deshalb einen anderen Weg ein: Er sucht gezielt nach biologischen Hinweisen im Körper – etwa Zellbestandteilen, genetischen Veränderungen oder spezifischen Stoffwechselmarkern –, die auf krankhafte Prozesse hindeuten, noch bevor klinische Symptome für das menschliche Auge sichtbar werden. Dabei ist es wichtig, das Screening als das zu verstehen, was es ist: eine Orientierungshilfe, aber keine finale Diagnose. Ein auffälliges Ergebnis bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund an Krebs erkrankt ist, ebenso wie ein unauffälliges Resultat keine absolute Entwarnung garantieren kann. Stattdessen liefert Screening eine zusätzliche Entscheidungsgrundlage, um Risiken früher zu erkennen und gegebenenfalls weiterführende Untersuchungen einzuleiten. Biologische Veränderungen werden i.d.R. früher sichtbar als klinische Symptome, sodass zusätzliche Zeit gewonnen werden kann, um weitere Untersuchungen zu planen oder Therapien frühzeitig zu beginnen.


  1. Falscher Alarm oder gutes Gefühl: Vorteile und Grenzen von Screeningtests

Ein Screening kann also wertvolle Informationen liefern, jedoch auch Herausforderungen mit sich bringen. Für viele Tierhalter:innen ist der Weg der strukturierten Vorsorge ein emotionaler Anker: Das Wissen, aktiv für die Gesundheit des Schützlings zu sorgen, anstatt passiv auf Symptome zu warten, wirkt oft entlastend. Es ist das gute Gefühl, alles in der eigenen Macht Stehende getan zu haben. Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass nicht jedes Warnsignal im Test zwangsläufig eine Krebserkrankung bedeutet. Viele andere gesundheitliche Zustände können ähnliche biologische Spuren hinterlassen und zu auffälligen Ergebnissen führen. Dazu zählen chronische Entzündungen, wie sie bei Autoimmunerkrankungen oder langanhaltenden Infektionen auftreten, ebenso wie akute bakterielle oder virale Infekte, gutartige Veränderungen wie Lipome oder Fibrome oder auch hormonelle Störungen wie das Cushing-Syndrom oder eine Schilddrüsenunterfunktion, die den Stoffwechsel und das Gewebe indirekt beeinflussen. Diese biologischen Überschneidungen führen dazu, dass ein Screening auch Phasen der Ambivalenz auslösen kann. Wenn ein Test anschlägt, die klassische Bildgebung wie Ultraschall oder Röntgen aber noch keinen Befund liefert, entsteht ein Spannungsfeld: Was für die einen eine wertvolle Vorwarnzeit darstellt, die engmaschiges Monitoring ermöglicht, bedeutet für andere eine Phase belastender Unsicherheit. Zudem gehört es zur medizinischen Realität, dass kein Test unfehlbar ist; falsch-positive oder falsch-negative Ergebnisse sind Teil jedes Verfahrens. Genau hier liegt auch der Wert der fachlichen Interpretation. Ein technischer Laborwert allein kann und sollte keine medizinischen Entscheidungen treffen. Erst wenn man die Ergebnisse mit der individuellen Gesundheitsdaten des Tieres abgleicht entsteht ein klares Bild. So wird aus einer bloßen Zahl eine fundierte Entscheidungshilfe, die Sicherheit gibt, anstatt mit Fragen allein zu lassen.


  1. Krebsfrüherkennungs-Kits für Hunde (Deutschland)

In den letzten Jahren sind mehrere, neue Technologien zur Krebsfrüherkennung für Hunde auf den Markt gekommen. Sie verfolgen unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze und messen jeweils andere biologische Signale im Körper. Zu den auf dem Markt präsenten Produkten gehören derzeit:


Basiert auf einer epigenetischen Technologie, die im Blut zirkulierende Nukleosomen misst. Die Technologie gehört der Fa. Volition und Tierärzte können den Test bei IDEXX oder Heska/Antech beziehen.

Ermöglicht die Erkennung von Biomarkern, die spezifisch für Lymphome sind in Serum und Vollblut. IDEXX Laboratories und Antech Diagnostics vertreiben den Test als Teil ihres spezialisierten Onkologie-Portfolios direkt an Tierarztpraxen.

Wirbt damit, Biopsien überflüssig zu machen. Das Gerät HT Vista iQ gehört dem israelischen Unternehmen HT Vista und die Technologie basiert auf dem Prinzip der Heat Diffusion Imaging (HDI). Sie wurde ursprünglich in der Humanmedizin zur Krebserkennung eingesetzt und dann für die Veterinärmedizin adaptiert.

Der Test wird von der Hundelabs GmbH mit Sitz in München online vertrieben. Hundelabs ist ein spezialisierter Anbieter für Direct-to-Consumer Diagnostik. Das bedeutet, sie verkaufen direkt an den Tierhalter, nicht primär über den Tierarzt.



Ein Anbieter, der kürzlich unsere Aufmerksamkeit geweckt hat, ist testblu diagnostics. Dessen Verfahren befindet sich aktuell noch in der wissenschaftlichen Validierungsphase und ist daher noch nicht regulär auf dem Markt verfügbar. Allerdings ist der Ansatz aus zwei Gründen besonders spannend: Während bisherige Tests oft auf den Nachweis früher Tumorstadien spezialisiert sind, verspricht dieses Verfahren durch den Einsatz lernender KI-Algorithmen eine überlegene Sensitivität in der Frühphase. Die KI ist hierbei in der Lage, selbst kleinste Muster in den molekularen Daten zu erkennen, die herkömmlichen Analysen entgehen, wodurch ein lebenswichtiger Zeitvorsprung in der Therapie gewonnen werden könnte.


  1. Wie funktionieren die Testverfahren?

Die verschiedenen Screeningangebote beruhen auf unterschiedlichen biologischen Mechanismen. Ein Blick auf diese Grundlagen hilft dabei zu verstehen, warum jeder Test seine eigenen Stärken und Grenzen hat:

Laborsituation mit Blutserum

  • Der Nu.Q® Vet Cancer Screen ist ein Bluttest, welcher Nukleosomen misst. Nukleosomen sind Bestandteile des Zellkerns, die ins Blut gelangen, wenn Zellen sterben und zerfallen. Tumorzellen haben häufig eine höhere Zellumsatzrate, wodurch vermehrt solche Zellbestandteile freigesetzt werden. Das Verfahren kann deshalb Hinweise auf mehrere systemische Tumorarten liefern, darunter Lymphome, Hämangiosarkome, Osteosarkome, Melanome und einige Weichteilsarkome. Insgesamt erkennt das Verfahren etwa die Hälfte aller Krebsarten und etwa drei Viertel der systemischen Tumoren. Seine Grenzen liegen vor allem bei kleinen, lokal begrenzten oder wenig aggressiven und langsam wachsenden Tumoren. Außerdem können auch weitere Faktoren wie z.B. Entzündungen auffällige Werte verursachen.

  • Der IDEXX Cancer Dx verfolgt einen spezifischeren Ansatz. Dieser Test konzentriert sich hauptsächlich auf die Früherkennung von Lymphomen. Er misst bestimmte Biomarker im Blut, die für diese Krebsart charakteristisch sind. Die Klassifizierung des B-Zell- versus T-Zell-Phänotyps wird, sofern möglich, bei positiven Ergebnissen zusätzlich bereitgestellt. Dadurch kann er bei dieser spezifischen Erkrankung eine hohe Aussagekraft haben, eignet sich jedoch nicht als universelles Screening.

  • Ein ganz anderes Konzept verfolgt das System HT Vista iQ. Hier handelt es sich um ein Gerät, das direkt in Tierarztpraxen eingesetzt wird. Es analysiert thermische Reaktionen im Gewebe. Bösartige Tumoren haben oft eine andere Durchblutung und Stoffwechselaktivität als gutartige Veränderungen, wodurch sie auf Wärme anders reagieren. Eine KI-gestützte Analyse kann diese Muster erkennen und Hinweise darauf geben, ob eine Hautveränderung möglicherweise bösartig ist. Das System ist ausschließlich für Hauttumoren geeignet.

  • Der sogenannte „Große Gesundheitstest“ von Hundelabs basiert auf zwei Laborparametern: dem Enzym TK1, das bei erhöhter Zellteilung ansteigt sowie dem Entzündungsmarker CRP. Aus beiden Werten wird ein sogenannter Neoplasia Index berechnet, der Hinweise auf mögliche Tumorerkrankungen liefern soll. Der Ansatz kann Veränderungen sichtbar machen, ist jedoch relativ unspezifisch, da auch hier sowohl Entzündungen als auch andere Erkrankungen die Werte beeinflussen können.

  • Bei "Canisens Light" von testblu handelt es sich um eine sogenannte Liquid Biopsy. Der Test sucht im Blut nach freier DNA von Tumorzellen und analysiert genetische Mutationsmuster mithilfe künstlicher Intelligenz. Diese Integration von KI hebt den Test auf ein neues Level. Denn diese identifiziert hochspezifische Tumorsignaturen in der zellfreien DNA (cfDNA) mit einer Präzision, die weit über manuelle Laborstandards hinausgeht. Mit jedem validierten Datensatz lernt das System dazu, wodurch die Diagnosegenauigkeit (Spezifität) kontinuierlich steigt und Fehlalarme minimiert werden. Durch die gestützte Auswertung können enorme Datenmengen effizienter verarbeitet werden, was das Verfahren langfristig kostengünstiger und für jede Tierarztpraxis im Alltag erst anwendbar macht. Wir sind gespannt auf den weiteren Weg des Anbieters und stehen bereits für eine Kooperation in Verbindung.


Testverfahren im Überblick

Test
Methode
Schwerpunkt
Vorteile
Grenzen

Nu.Q® Vet Cancer Screen

Nukleosomen im Blut

Systemische Tumoren

Relativ breites Screening

Entzündungen können Werte verändern

testblu (in Validierung)

Liquid Biopsy / cfDNA

Potenziell viele Tumorarten

Direkte genetische Analyse

Noch nicht final entwickelt

IDEXX Cancer Dx

Biomarker

Lymphom

Hohe Spezifität für diese Krebsart

Kein allgemeines Screening

HT Vista

Thermische Bildanalyse

Hauttumoren

Gute Differenzierung von Hautver-änderungen

Nur für Hauttumoren

Hundelabs Test

TK1 + CRP

Zellteilung / Entzündung

Niedrigschwelliger Test

Relativ unspezifisch


  1. Warum Screening & Vorsorgeberatung zusammengehören: Die Symbiose aus Technologie und Empathie

Heller Hund mit Herzen  beklebt

Echte Vorsorge ist mehr als das Warten auf ein Testergebnis. Während die klassische Vorsorge das Ziel verfolgt, durch Prävention die Entstehung von Krankheiten wie Krebs möglichst zu verhindern, agiert das Screening als Frühwarnsystem: Es macht das noch "Unsichtbare" sichtbar und spürt krankhafte Prozesse auf, lange bevor sie für herkömmliche, tiermedizinische Methoden greifbar sind. Doch ein Laborwert allein ist noch keine Diagnose. Deshalb gewinnt der Ansatz der strukturierten Vorsorgeberatung entscheidend an Bedeutung. Wir betrachten Screening nicht als isoliertes Ereignis, sondern als integralen Bestandteil eines 360-Grad-Konzepts. Hierbei wird moderne Testtechnologie mit der tiermedizinischen Analyse individueller Risikofaktoren wie Genetik, Vorerkrankungen, Lebensumfeld, Ernährung, Alter uvm. zu einem ganzheitlichen Bild verknüpft. Sollte ein Testbefund auffällig sein, ist die fachliche Einordnung der nächste Schritt. Die Beratung schlägt die Brücke zwischen dem technischen Ergebnis und dem Tier: Sie hilft dabei, zwischen ernsthaften Warnsignalen und harmlosen biologischen Schwankungen zu unterscheiden. So entsteht eine fundierte Entscheidungsgrundlage – ob für gezielte Folgediagnostik oder eine beruhigte, engmaschige Beobachtung. Kurz gesagt: Ein Screening liefert die Daten – doch erst die Beratung verwandelt diese Daten in Sicherheit und klare Entscheidungen für die Gesundheit deines Tieres. In unserem Paket „Einen Schritt voraus“ haben wir diese Philosophie umgesetzt. Wir bieten dir und deinem Schützling eine umfassende Begleitung, die weit über das Labor hinausgeht:


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Fazit – Wann ist Screening sinnvoll?

Die wichtigste Erkenntnis ist vielleicht auch die einfachste: Es gibt nicht die eine perfekte Vorgehensweise zur Krebsfrüherkennung bei Hunden. Verschiedene Testkits erfassen unterschiedliche, biologische Signale im Körper und sind deshalb für verschiedene Situationen geeignet. Manche Screening-Ansätze detektieren vor allem systemische Tumoren, andere sind auf bestimmte Krebsarten oder Körperregionen spezialisiert. Entscheidend ist daher eher die Frage, welches Vorgehen im individuellen Fall sinnvoll sein könnte – abhängig von Alter, Rasse, Vorerkrankungen und dem konkreten Risiko deines Hundes. Screening entfaltet seinen größten Nutzen, wenn es Teil einer durchdachten Vorsorgestrategie ist und von fachlicher Beratung begleitet wird. Es kann ein wertvolles Werkzeug sein: nicht als Garantie für Gesundheit, sondern als zusätzliche Orientierung, um biologische Veränderungen früh wahrzunehmen und gezielte Anschlussdiagnostik zu planen. So kannst du informierte und rechtzeitige Entscheidungen für das Leben und Wohlbefinden deines Hundes zu treffen und im Idealfall dem Krebs ein Schnippchen schlagen.


Corgy seitlich mit heraushängender Zunge


Studienbeispiele

Multizentrische Validierungsstudie mit 1.100 Hunden, die einen NGS-basierten Multi-Cancer-Bluttest untersucht. Gesamt-Sensitivität ca. 54–55% bei ca. 98,5% Spezifität; höhere Sensitivität für aggressive Tumoren wie Lymphom, Hämangiosarkom, Osteosarkom.


Retrospektive Auswertung von 359 Hunden mit Krebsdiagnose. Zeigt, dass aktuell nur etwa 4% der Tumoren in tierärztlichen Routinechecks entdeckt werden und 88% erst nach Auftreten klinischer Symptome. In derselben Kohorte lag die Detektionsrate des Liquid-Biopsy-Tests bei rund 54,7%, inkl. Nachweis bei einem Teil der präklinischen und Frühstadien.

Analyse aus der Praxis: Bei einem positiven OncoK9-Befund wurde in fast 90% der Fälle anschließend eine klinische Krebsdiagnose gestellt. In der Screening-Anwendung bei Hunden ohne klinische Symptome wurden 26 Tumortypen gefunden, von denen etwa die Hälfte in normalen tierärztlichen Vorsorgeuntersuchungen typischerweise übersehen würde.

Klinische Validierung eines „integrierten“ Bluttests für sieben vordefinierte Tumorarten -z.B. Lymphom, Hämangiosarkom, Osteosarkom, Urothelkarzinom - bei insgesamt 1.947 Hunden.

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