Stiller Alarm im Blut: Wie versteckte Infektionen das Krebsrisiko beim Hund beeinflussen
- Leni (Admin)

- vor 4 Tagen
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Vektorbasierte Erkrankungen beim Hund werden durch blutsaugende Arthropoden wie Zecken, Mücken oder Sandmücken übertragen. Zu den häufigsten Erregern zählen Ehrlichia canis, Anaplasma phagocytophilum/platys, Babesia-Arten und Leishmania infantum. Allen gemeinsam ist, dass sie im Blut, im Knochenmark oder in immunologisch aktiven Organen persistieren (bestehen bleiben, fortdauern) können. Die Erreger sind weltweit verbreitet und können im Organismus des Hundes über Monate und Jahre überleben, selbst wenn akute Krankheitszeichen längst abgeklungen sind. Gleichzeitig verlaufen viele Infektionen subklinisch oder unspezifisch, was ihre frühzeitige Erkennung und klinische Einordnung erschwert. Im Kontext von Krebs beim Hund ist dieser biologische Umstand besonders relevant. Ein dauerhaft aktiviertes oder fehlreguliertes Immunsystem gilt als einer der zentralen Faktoren, die die Entstehung und das Fortschreiten von Tumorerkrankungen begünstigen können. Anhaltende Infektionen wirken dabei nicht als direkte Krebsursache, können jedoch chronische Entzündungsprozesse, immunologische Dysbalancen und eine verminderte Tumorabwehr fördern. Für Hundehalter:innen bedeutet das: Vektorbasierte Erkrankungen sind potenzieller Langzeitstress für das Immunsystem, der bei der Betrachtung von Krebsrisiken und onkologischen Krankheitsverläufen nicht außer Acht gelassen werden sollte.
1. Dauerhafte Entzündungen: Wie sie Krebsentstehung fördern
In der Medizin ist heute klar: Chronische Entzündungen sind einer der Hauptfaktoren, die Neoplasien begünstigen können. Was beim Menschen längst bekannt ist – etwa der Zusammenhang zwischen Leberentzündungen und Leberkrebs – gilt genauso für unsere Hunde. Wenn Erreger dauerhaft im Körper bleiben, versetzen sie das System in einen permanenten Alarmzustand. Man stelle sich diese chronische Reizung wie einen dauerhaften Schwelbrand vor. In diesem „heißen“ Milieu verändert sich die gesamte Umgebung der Zellen:
Dauer-Alarm durch Botenstoffe: Entzündungssignale bleiben ständig aktiv
Zell-Stress: Aggressive Stoffwechselprodukte (oxidativer Stress) nehmen zu und greifen die Zellen an
Überlastete Reparatur: Die körpereigenen Schutzmechanismen kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher
Und so kann es vom Stress zum Tumor kommen: Normalerweise repariert der Körper DNA-Schäden sofort oder sortiert defekte Zellen aus. Durch den ständigen Entzündungsdruck wird dieses Gleichgewicht jedoch gestört. Die Zellen teilen sich häufiger, während gleichzeitig die „Qualitätskontrolle“ versagt. Das Ergebnis: Entartete Zellen werden nicht mehr zuverlässig eliminiert, können sich im Schutz der Entzündung vermehren und schließlich zu einem malignen Tumor entwickeln. Eine konsequente Behandlung versteckter Infektionen ist daher weit mehr als nur Parasitenbekämpfung – es ist aktiver Zellschutz und Krebsprävention.
2. Stiller Stress für das Immunsystem
Ein weiteres Bindeglied zwischen vektorbasierten Erkrankungen und Tumoren ist die Immunmodulation. Bestimmte Erreger wie Leishmania beeinflussen aktiv die Immunantwort des Wirts, indem sie z. B. T-Zell-Funktionen dämpfen oder eine chronische Aktivierung verursachen und am Ende damit eine Erschöpfung des Immunsystems bewirken.

Wenn das Immunsystem dauerhaft aktiviert ist, produziert es nicht nur Entzündungssignale, sondern es kann auch seine Fähigkeit verlieren, entartete Zellen frühzeitig zu erkennen und zu eliminieren. Dieser immunologische „Burnout“ trägt dazu bei, dass Tumorzellen ungehindert wachsen können. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Hunde mit vektorassoziierten Erkrankungen häufig Co-Infektionen haben – also mehrere Erreger im System – was die Immunantwort noch weiter belastet. Auch dieser Effekt ist nicht gleichbedeutend mit einem direkten Auslöser für Krebs, aber er schafft Bedingungen, unter denen die Abwehrlinien langfristig geschwächt werden.
Typische Blutbildveränderungen unter vektorbasierten Infektionen
Viele vektorbasierte Erkrankungen greifen gezielt in das sogenannte hämatopoetische System ein. Das ist die „Blutfabrik“ im Knochenmark, die dafür verantwortlich ist, neue Blutzellen und wichtige Immunzellen zu bilden. Erreger wie Ehrlichia canis, Anaplasma phagocytophilum oder Babesia-Arten können diese fein abgestimmten Abläufe nachhaltig stören. Im Labor zeigen sich die Belastungen häufig z.B. durch eine Anämie (Blutarmut), eine Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) oder unspezifische Veränderungen bei den weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Das Tückische daran: Die Befunde sind nicht eindeutig für eine Krebserkrankung, treten aber bei Tumoren oft in ganz ähnlicher Weise auf - das erschwert mitunter die klinische Einordnung. Entscheidend ist hierbei weniger ein einzelner Laborwert, sondern das gesamte Muster und wie hartnäckig diese Veränderungen sich im Blutbild über die Zeit halten. Das Knochenmark reagiert auf diese Zustände mit einer dauerhaften Fehlregulation:
Erschöpfung der Reserven: Die Kapazitäten für die Neubildung von Zellen werden aufgezehrt
Fehler in der Zellreifung: Es kommt zu Ungleichgewichten bei der Entwicklung der Blutzellen
Veränderte Immunqualität: Die Abwehrzellen sind nicht mehr so leistungsfähig wie sie sein sollten
Blutbildparameter | Mögliche Befunde | Typisch bei ... | Warum es mit Krebs verwechselt werden kann |
Anämie = verminderte rote Blutkörperchen | • Erniedrigter Hämatokrit • Verminderte Erythrozytenzahl • Normozytär-normochrom/hypochrom • teils regenerative, teils nicht-regenerative Anämie | • Babesia-Infektionen (hämolytisch) • chronischer Ehrlichiose • Leishmaniose | Nicht-regenerative Anämien sind auch typisch für Knochenmark-erkrankungen, Lymphomen oder Leukämien. Besonders kritisch, wenn die Anämie persistiert und nicht eindeutig auf Blutverlust oder akute Entzündung zurückzuführen ist. |
Thrombozytopenie = niedrige Blutplättchen | • Deutlich reduzierte Thrombozytenzahl • teils stark schwankende Werte • gelegentlich petechiale Blutungen oder Hämatome | • Ehrlichia canis • Anaplasma phagocytophilum • Babesiose | Finden sich ebenfalls bei hämatologischen Neoplasien, Knochenmarksinfiltrationen, immunvermittelten Prozessen im Rahmen von Tumorerkrankungen. Ohne Erregerdiagnostik kann hier vorschnell der Verdacht auf eine maligne Grunderkrankung entstehen. |
Veränderungen der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) | • Leukopenie oder Leukozytose • relative oder absolute Lymphopenie • Monozytose bei chronischer Entzündung • dysplastisch wirkende Zellpopulationen | • chronischen Vektorinfektionen • Co-Infektionen • immunmodulierenden Erregern wie Leishmania | Veränderte Leukozytenmuster sind ebenfalls ein klassisches Merkmal von Lymphomen, Leukämien oder myelodysplastischen Syndromen. |
Hinweise auf Knochenmarkstress | • gleichzeitige Anämie + Thrombozytopenie • Panzytopenie (alle Zelllinien vermindert) • fehlende Regeneration trotz Belastung • unstabile Blutwerte im zeitlichen Verlauf | • chronische Infektionen • maligne Prozesse | Solche Konstellationen weisen auf eine Überforderung o. Fehlregulation des Knochenmarks hin. Infektiöse Ursachen zeigen oft schwankende, teils reversible Muster – Tumorerkrankungen eher progressive, zunehmend entgleisende Verläufe. |
Entzündungs- und Begleitparameter | • erhöhtes CRP • veränderte Globuline • Hypergammaglobulinämie (v. a. bei Leishmaniose) • erniedrigtes Albumin |
| Auch diese Veränderungen sind nicht tumorspezifisch, verstärken aber den Eindruck einer schweren systemischen Erkrankung. |
*Übersicht ist ein Auszug und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit
Die bisherigen Kapitel haben gezeigt, dass vektorbasierte Erkrankungen als Belastungsfaktoren wirken können und damit auch krebsfördernde Bedingungen begünstigen. In der klinischen Realität zeigt sich ebenso das gegenteilige Problem: Infektiöse Erkrankungen werden mitunter als Krebs oder andere, schwere Erkrankungen fehlinterpretiert.
Allergie, Krebs oder Infektion? Das Chamäleon "Zeckenkrankheit"
Nicht jeder Tumorverdacht beim Hund entpuppt sich am Ende als Krebs. In der Beratung erleben wir immer wieder, dass klinische Befunde vorschnell als bösartig eingestuft werden, obwohl eine versteckte Vektorinfektion die eigentliche Ursache ist. Besonders Erkrankungen wie Ehrlichiose, Babesiose, Leishmaniose oder Anaplasmose entpuppen sich als wahre Chamäleons und sind Meister darin, Symptome und Laborveränderungen zu imitieren, die stark an maligne Erkrankungen erinnern. Dazu gehören neben den Blutparametern zahlreiche weitere Symptome wie etwa vergrößerte Lymphknoten, Magen-Darmprobleme, unklare Veränderungen an Milz, Leber oder Nieren, Hautläsionen, Lahmheiten und Gelenkbeschwerden oder eine ausgeprägte Leistungsminderung. Ohne gezielte Abklärung auf entsprechende Erreger entsteht hier schnell der Eindruck einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung, obwohl eigentlich eine behandelbare Infektion vorliegt. Auch über die Onkologie hinaus verführen die Erreger regelmäßig zu folgenschweren Fehldiagnosen. Da sie das Immunsystem massiv stören, werden sie beispielsweise gerne schnell für Autoimmunerkrankungen oder Allergien gehalten, was eine riskante Behandlung mit starken Immunsuppressiva zur Folge haben kann. Wandernde Lahmheiten werden mitunter als einfache Arthrose missinterpretiert und durch Infektionen verursachte Organ- und Nervenschäden als altersbedingte Herz-, Nieren- oder Gehirnerkrankungen abgetan. Fehlinterpretationen entstehen also vor allem dann, wenn die Diagnostik nicht breit genug angelegt ist. Ein auffälliges Blutbild oder eine Organveränderung ohne ergänzende serologische Tests auf vektorbasierte Erreger reicht nicht aus, um eine Diagnose sicher zu stellen. Ein Tumorverdacht (bzw. jede andere Verdacht auf eine schwere Erkrankung) sollte also immer auch die Frage einschließen, ob infektiöse Ursachen differenzialdiagnostisch ausreichend berücksichtigt wurden.
Warum konservative Tiermedizin chronische Verläufe oft übersieht
Persistierende (anhaltende) Vektorinfektionen entfalten ihre Wirkung zudem leise und oft über Jahre hinweg. Genau das macht sie so tückisch. Eine wirklich gute Diagnostik bedeutet daher auch, zuzugeben, dass das bisherige Standard-Schema manchmal nicht ausreicht oder ein Blick aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm durchaus den Horizont weiten kann. Wenn Befunde nicht eindeutig sind oder Therapien nicht wie erwartet anschlagen, brauchen wir Tierärzte, die bereit sind, auch „untypische“ Wege zu prüfen. Doch obwohl die Zusammenhänge bei den vektorbasierten Krankheitsverläufen biologisch absolut logisch sind, hat die konservative Tiermedizin sie nicht ausreichend auf dem Schirm. In der klassischen Lehre werden Vektorkrankheiten immer noch als rein akut verlaufende Infekte definiert – ein kurzes, stürmisches Ereignis, das vom Immunsystem bekämpft wird und lediglich einen „Fußabdruck“ in Form von Antikörpern als Beweis des Kontakts hinterlässt. Man betrachtet dann den noch vorhandenen Titer als bloße Erinnerung an eine abgeschlossene Episode. „Klinisch unauffällig“ heißt es dann, der Tierarzt wertet die Behandlung als abgeschlossen, die Infektion gilt als „geheilt“ - mit fatalen Folgen für unsere Hunde. Denn dass sich die Erreger nach der akuten Phase still und heimlich in die Nischen von Tiefengewebe, das Knochenmark oder in Organe zurückziehen, wird übersehen oder ignoriert. Dort reizen sie das Immunsystem nicht mehr stark genug, um eine hohe Antikörperantwort aufrechtzuerhalten, verharren aber nicht etwa inaktiv, sondern agieren als systemische Dauerstressoren, die das gesamte Milieu des Körpers schleichend verändern. Während sie für die gängige Diagnostik im peripheren Blut (Stichwort: Unsinnigkeit von PCR Tests) unsichtbar werden, bleibt die Belastung für das Immunsystem und die zelluläre Ebene bestehen.
Wenn also das know-how einer durchschnittlichen Tierarztpraxis für chronifizierte Verläufe oft noch der Realität betroffener Hunde hinterherhinkt, sprechen zahlreiche Selbsthilfegruppen und die Erfahrungen aus der südeuropäischen Tiermedizin eine andere Sprache. Auch meine Hündin aus dem Auslandstierschutz musste diese Erfahrung leidvoll machen: Nur der Blick über den Tellerrand, Mut zur Diskussion mit (verblendeten) Fachbereichen und eine außergewöhnliche Tierarztpraxis, die zu echter Kooperation bereit war, haben uns vor einer Fehldiagnostik bewahrt. Ohne diese Hartnäckigkeit wäre die Hündin womöglich jahrelang mit schweren Medikamenten gegen eine vermeintliche Autoimmunerkrankung behandelt worden, während die eigentliche infektiöse Ursache völlig unbeachtet geblieben wäre.
Fazit: Den Blick weiten – Verantwortung übernehmen
Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Krebs fast nie das Ergebnis einer einzigen Ursache ist, sondern in einem komplexen Zusammenspiel aus vielen Faktoren und individuellen Belastungen entsteht. Das Anliegen dieses Artikels ist, dass vektorbasierte Erkrankungen in diesem Gefüge ein unterschätztes Puzzleteil sein können, das man in beide Richtungen auf dem Schirm haben muss: Einerseits stellen unerkannte Zeckenerkrankungen ein echtes Risiko für die Entstehung von Tumoren dar, da sie das Immunsystem über Jahre hinweg im Dauerstress halten. Andererseits können diese Erreger schwere Krankheitsbilder so täuschend echt imitieren, dass es ohne genaues Hinsehen schnell zu fatalen Fehldiagnosen kommt. Für uns Hundehalter bedeutet das vor allem eines: Selbstverantwortung für unsere Tiere. Wenn du dabei Unterstützung brauchst, ist das Team von Krebs beim Hund gerne für dich da:
Quellen und weiterführende Studien
Co-Infektionen und klinische Relevanz bei caniner Leishmaniose: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29554918/
Immunologische Folgen von Ko-Infektionen: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34827938/
Subklinische canine Ehrlichiose: Nachweis des Vorhandenseins von Ehrlichia DNA in verschiedenen Geweben https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7561240/
Wie Anaplasmen sich vor dem Immunsystem verstecken: https://journals.asm.org/doi/full/10.1128/cmr.00064-10
Mechanismen chronischer Entzündung bei Krebs (allgemein): https://www.dkfz.de/chronische-entzuendung-und-krebs





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