Gilvetmab für Hunde: Kann Immuntherapie die Krebsbehandlung verändern?
- Leni (Admin)

- vor 8 Stunden
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Die Krebsmedizin hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten dabei sogenannte Immuntherapien. Anders als klassische Krebsmedikamente greifen sie Tumorzellen nicht direkt an. Sie sollen vielmehr das körpereigene Immunsystem dabei unterstützen, Krebszellen besser zu erkennen und gezielter zu bekämpfen. In der Humanonkologie werden solche Therapien bereits seit längerem eingesetzt. Bekannte Beispiele sind Mittel wie Pembrolizumab oder Nivolumab - sie kommen vor allem bei fortgeschrittenen, metastasierten oder wiederkehrenden Tumorerkrankungen zum Einsatz und haben die Behandlungsmöglichkeiten bei einigen Krebsarten deutlich erweitert. Auch in der Tiermedizin wächst das Interesse an diesem Ansatz. Ein Medikament, das besonders aufmerksam verfolgt wird, ist Gilvetmab. Es handelt sich um einen speziell für Hunde entwickelten Antikörper gegen den Immun-Checkpoint PD-1. Gilvetmab gilt als einer der ersten Checkpoint-Inhibitoren in der veterinären Onkologie (AAHA-Onkologie-Leitlinien, USA) Noch ist dieser Ansatz in Europa nicht regulär verfügbar. Trotzdem ist Gilvetmab für Hundehalter interessant, weil es zeigt, wohin sich die Krebsbehandlung beim Hund in den kommenden Jahren entwickeln könnte: weg von rein tumorzerstörenden Verfahren und hin zu Therapien, die gezielt mit dem Immunsystem arbeiten.
Wie funktioniert Gilvetmab?
Der Körper ist grundsätzlich in der Lage, veränderte oder entartete Zellen zu erkennen. Denn genau das passiert täglich: Zellen verändern sich, werden kontrolliert und im Idealfall beseitigt, bevor daraus ein größeres Problem entsteht. Damit das Immunsystem dabei nicht überaktiv wird und gesundes Gewebe angreift, besitzt es natürliche Kontrollpunkte. Diese Kontrollpunkte nennt man Immun-Checkpoints. Man kann sie sich vereinfacht wie Bremsen vorstellen. Sie sorgen dafür, dass Immunzellen nicht ungebremst arbeiten. Das Prinzip ist wie ein Versteckspiel, bei dem der Krebs schummelt. Hier ist die vereinfachte Erklärung, wer dabei wen blockiert und wer wen bremst:
Der Normalzustand: Das Immunsystem hat eigene Abwehrzellen (die T-Zellen). Damit diese im Alltag nicht Amok laufen und gesunde Organe angreifen, haben sie eine eingebaute Bremse. Diese Bremse heißt PD-1.
Das Problem: Der Tumor ist schlau. Er möchte von den Abwehrzellen nicht angegriffen werden. Deshalb stellt er selbst einen passenden Gegenpart her (genannt PD-L1). Das kannst du dir vorstellen wie einen Finger, der aktiv auf die Bremse (PD-1) der Abwehrzelle drückt.
Was ist die Folge? Die Abwehrzelle wird blockiert - sie wird schläfrig, "sieht" den Tumor nicht mehr als Gefahr und stellt die Arbeit ein. Der Krebs kann dadurch ungehindert wachsen.
Die Lösung: Hier kommt das Medikament ins Spiel - es entkräftet den Trick des Tumors. Gilvetmab ist ein Antikörper, der sich wie eine Schutzkappe über die Bremse (PD-1) der Abwehrzelle legt. Gilvetmab blockiert die Bremse. Es sorgt dafür, dass der "Finger" des Tumors nicht mehr an die Bremse herankommt.
Das Ergebnis: Da der Tumor die Bremse nicht mehr drücken kann, löst sich die Blockade der Abwehrzelle. Die Abwehrzelle wacht wieder auf, erkennt den Tumor als Feind und fängt wieder an, den Krebs zu bekämpfen.
Das Medikament bekämpft den Krebs also nicht direkt wie beispielsweise eine Chemotherapie. Es versucht vielmehr, die körpereigene Tumorabwehr wieder zu stärken.

Bei welchen Tumoren wird Gilvetmab eingesetzt?
Der Schwerpunkt liegt derzeit auf zwei Tumorarten: Mastzelltumoren und Melanomen. Mastzelltumoren gehören zu den häufigsten Hauttumoren beim Hund; Ihr biologisches Verhalten kann sehr unterschiedlich sein. Manche lassen sich gut operieren und verhalten sich eher kontrollierbar. Andere wachsen aggressiver, kehren zurück oder bilden Metastasen. Deshalb ist bei Mastzelltumoren nicht nur die sichtbare Größe entscheidend, sondern auch die genaue Untersuchung des Gewebes, das Grading, die Lage des Tumors, mögliche Lymphknotenbeteiligung und die Frage, ob der Tumor vollständig entfernt werden konnte. Melanome entstehen aus pigmentbildenden Zellen. Besonders das orale Melanom - ein Tumor der Maulhöhle - gilt beim Hund als biologisch hoch aggressiv. Auch wenn der Tumor lokal behandelt wird, besteht sehr häufig ein relevantes Risiko für Rezidive und Metastasen und nimmt vielen Betroffenen jede Hoffnung auf etwas mehr Lebenszeit. In den USA besitzt Gilvetmab eine bedingte Zulassung für Hunde mit Mastzelltumoren der Stadien I bis III sowie für Hunde mit Melanomen der Stadien II bis III. Eine bedingte Zulassung bedeutet nicht, dass ein Medikament bereits abschließend bewertet ist. Sie bedeutet, dass erste Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen und eine begründete Erwartung besteht, dass das Medikament nützen kann, während weitere Studien noch laufen.
Wie sind die bisherigen Ergebnisse?
Die bisherigen Daten zeigen, dass Gilvetmab Potenzial hat. Gleichzeitig zeigen sie auch, dass die Erwartungen realistisch bleiben müssen. In den veröffentlichten bzw. zugänglichen Daten wird bei Mastzelltumoren eine objektive Ansprechrate von etwa 46% Prozent beschrieben. Objektives Ansprechen bedeutet, dass der Tumor messbar kleiner wird oder vollständig zurückgeht. Beim Melanom lag diese objektive Ansprechrate niedriger, bei etwa 20 % Prozent. Zusätzlich wurden in den Daten auch Hunde erfasst, bei denen die Erkrankung zumindest stabil blieb, was in der Onkologie ebenfalls relevant sein kann. Das klingt zunächst ernüchternd, aber regelmäßig ist ein neues Medikament leider nicht automatisch eine Lösung für alle Patienten. Gerade Immuntherapien wirken oft sehr unterschiedlich. Manche Patienten sprechen gut an, andere kaum oder gar nicht. Das liegt unter anderem daran, dass Tumoren biologisch sehr verschieden sind. Nicht jeder Tumor nutzt denselben Weg, um sich vor dem Immunsystem zu schützen. Wenn ein Tumor stark über den PD-1- oder PD-L1-Mechanismus arbeitet, kann eine Blockade dieses Signalwegs sinnvoller sein. Wenn andere Mechanismen dominieren, kann die Wirkung deutlich begrenzter sein. Deshalb ist Gilvetmab kein Wundermittel, aber ein ernstzunehmender neuer Ansatz.
Warum Immuntherapien Teil eines Gesamtkonzeptes sind
Viele betroffene Hundehalter hoffen verständlicherweise auf eine gezielte Therapie, die den Krebs kontrollieren kann. In der Onkologie ist das jedoch selten so einfach. Gerade bei aggressiven Tumoren ist die effektivste Behandlung deshalb ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen: Eine Operation kann den soliden Tumor entfernen und die Tumorlast senken. Eine Bestrahlung kann helfen, lokale Tumorreste oder schlecht operierbare Bereiche zu kontrollieren. Zielgerichtete Medikamente wie Toceranib (Palladia) greifen bestimmte Signalwege von Tumorzellen an. Immuntherapien wie Gilvetmab setzen an der körpereigenen Abwehr an. Deshalb untersuchen aktuelle Studien vor allem Kombinationen. Bei Mastzelltumoren wird beispielsweise die Kombination von Gilvetmab mit Toceranib geprüft. Andere Studien beschäftigen sich mit der Kombination von Gilvetmab und Bestrahlung oder mit immunologischen Ansätzen beim Melanom. Ziel ist herauszufinden, ob und wie sich verschiedene Behandlungen sinnvoll ergänzen können. Eine moderne Krebstherapie besteht selten aus einer einzigen Entscheidung. Wichtiger ist die Frage, welches Behandlungskonzept zum jeweiligen Hund und Fall passt. Dazu gehören Tumorart, Stadium, Grading, Metastasenstatus, bisherige Therapien, Begleiterkrankungen, Alter, Belastbarkeit und Lebensqualität.
Wann gibt es Gilvetmab in Europa?
Für Hundehalter in Europa ist Gilvetmab derzeit noch nicht regulär verfügbar. Das Medikament besitzt aktuell eine bedingte Zulassung in den USA und wird dort über spezialisierte veterinäronkologische Zentren eingesetzt. Eine europäische Zulassung liegt bislang nicht vor und auch aktive klinische Gilvetmab-Studien in Europa sind derzeit öffentlich nicht ersichtlich. Das bedeutet aber nicht, dass Immuntherapien in Europa keine Rolle spielen. An mehreren Standorten wird an ähnlichen Ansätzen geforscht, insbesondere an der sogenannten PD-1- und PD-L1-Achse. Ein wichtiger Forschungsstandort ist hier das Tierspital Zürich, wo gemeinsam mit Partnern aus Frankreich an neuartigen PD-L1-Nanobodies gearbeitet wird. Diese Nanobodies sind keine klassischen Antikörper, verfolgen aber ebenfalls das Ziel, Immun-Checkpoints bei Hunden und Katzen therapeutisch nutzbar zu machen. Für einzelne tierische Patienten könnten theoretisch Sonderwege wie ein Import geprüft werden. Ob das medizinisch sinnvoll, rechtlich möglich und finanziell vertretbar ist, kann die veterinäronkologische Fachklinik im Einzelfall beurteilen.
Biologische Begleitung - maßgeschneidert
Neue Therapieansätze wecken Hoffnung, besonders wenn ein Tier an einem sehr aggressiven Tumor erkrankt ist oder die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten begrenzt sind. Gilvetmab zeigt, wie sich die veterinäre Onkologie weiterentwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr ausschließlich die direkte Bekämpfung von Tumorzellen, sondern zunehmend auch die Frage, wie die körpereigene Tumorabwehr unterstützt werden kann. Viele Behandlungskonzepte verfolgen deshalb einen ganzheitlicheren Ansatz. Neben Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie oder Immuntherapien können die Ernährung und naturheilkundliche Begleitmaßnahmen Teil eines erfolgreichen Therapiekonzepts sein. Ziel ist es, den Organismus während der Behandlung zu unterstützen, die Lebensqualität zu erhalten und den Hund möglichst stabil durch die verschiedenen Behandlungsphasen zu begleiten. In der integrativen Onkologie kommen dabei unter anderem Mykotherapie, Misteltherapie, ausgewählte Pflanzenstoffe, Omega-3-Fettsäuren sowie Maßnahmen zur Unterstützung von Darm, Leber und Stoffwechsel zum Einsatz. Welche Bausteine sinnvoll sind, hängt von Tumorart, Krankheitsstadium, Begleiterkrankungen und der laufenden Therapie ab. In unserer naturheilkundlichen Beratung betrachten wir schulmedizinische und komplementäre Ansätze nicht getrennt voneinander, sondern als mögliche Bestandteile eines gemeinsamen Konzepts. Weitere Informationen zur Beratung findest du hier: https://www.krebsbeimhund.com/service-page/naturheilkunde-hunde
Was gibt es Neues in der Veterinäronkologie? AAHA (USA)
Für die Forschungsinteressierten: Studie zu Nanokörperbasierte, auf PD-L1 abzielende Immun-Checkpoint-Inhibitoren für die Krebstherapie bei Hunden
Checkpoint-Inhibitoren beim Hund: Sind wir schon so weit? https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38893123/






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